Die Neuerungen der Norddeutschen Post

von Ingo von Garnier

In der Mitte des 19. Jahrhundert stritten Österreich und Preussen um die Vorherrschaft in Deutschland. 1866 besiegte Preußen Österreich und dessen Verbündete Sachsen, Bayern, Hannover, die hessischen Staaten u.a. Für das seit Jahrzehnten erhoffte Ziel, den Bundesstaat „Deutsches Reich“ zu gründen, war die Zeit jedoch noch nicht reif. Unter der Leitung Preußens schlossen sich deshalb die Staaten nördlich des Mains zum Norddeutschen Bund zusammen.

Mit Inkrafttreten der Verfassung des Norddeutschen Bundes am 1. Juli 1867 übernahm das Generalpostamt in Berlin die Verwaltung des Postwesens als einheitliche Staatsverkehrsanstalt. Ihr Zuständigkeitsbereich wurde als Norddeutscher Postbezirk bezeichnet, da zu ihm auch die südlich des Mains gelegenen Provinzen Rheinhessen und Starkenburg des Großherzogtums Hessen gehörten.

Die Gesetze über das Postwesen vom 2. Nov. 1867 und das Posttaxwesen vom 4. Nov. 1867 traten am 1. Jan. 1868 in Kraft und beendeten die Tätigkeit der bisher selbstständigen Postverwaltungen von Braunschweig, Bremen, Hamburg (incl. Bergedorf), Lübeck, Mecklenburg-Schwerin und –Strelitz, Oldenburg, Preußen und Sachsen. Preußen hatte nach dem 1866er Krieg Hannover, Schleswig-Holstein, einige hessische Staaten und ab 1. Juli 1867 das Thurn und Taxissche Postgebiet übernommen.

Die Gründung des Norddeutschen Bundes brachte eine umfassende Vereinheitlichung der Postverhältnisse mit sich. Alle Oberpostdirektionen und die Oberpostämter von Bremen und Hamburg unterstanden nun der zentralen Verwaltung in Berlin. Die Norddeutsche Bundespost wurde mit 4.340 Postanstalten für ein Betreuungsgebiet von etwa 420.000 km2 mit rund 30 Millionen Einwohnern tätig. Die für die damalige Zeit unvorstellbare Zahl von Postsendungen stieg von 504 Millionen (1868) auf 703 Millionen (1871). Die Zahl der Postanstalten erhöhte sich bis Ende 1871 auf 4.927.

Die vier Jahre der Norddeutschen Post waren durch die Tätigkeit von Heinrich Stephan eine Zeit weitreichender postalischer Neuerungen. Am spürbarsten für das Publikum war die Senkung und Vereinheitlichung des Briefportos. Statt drei Entfernungsstufen im Deutsch-Österreichischen Postverein und den lotweisen Gewichtsstufen galt ab 1. Jan. 1868 nur noch eine entfernungsunabhängige Gewichtsstufe für Briefe bis 1 Lot (16,7 g) mit 1 Groschen und nur noch eine zweite Stufe bis 250 g mit 2 Groschen. Danach begann der Pakettarif.

Die neuen Freimarken trugen die Wertziffern in Groschen für die nördlicheren Länder und in Kreuzer für einige thüringischen und einige hessischen Länder und für die Stadt Frankfurt a.M.; zuerst durchstochen und ab Ende Januar 1869 auch gezähnt. Dazu gab es eine ½ - Schilling-Marke für die Hamburger Ortsbriefe (bis 250g!), die bis Ende 1875 galt.

 Abb1    Abb2

Abb. 1+2:    1-Groschen-  und 7-Kreuzer-Marke

Was noch nicht vereinheitlicht wurde, waren die Bestellgelder für Ortsbriefe. Hier gab es in den einzelnen Ländern die unterschiedlichsten Ortsporti. Die Ortsbriefe in Hamburg kosteten ½ Schilling, der 4½ preußischen Pfennigen entsprach. In Berlin und anfangs in allen preußischen Orten betrug der Ortstarif 1 Groschen = 12 Pfennige; in Bremen, Lübeck, Oldenburg, Sachsen u.a. ½ Groschen = 6 Pfennige. Ab Mitte 1868 wurde der Ortstarif nach und nach allgemein auf ½ Groschen gesenkt.

Abb3

Abb. 3:   Hamburger Ortsbrief mit der ½ - Schilling-Marke und einem der Hufeisenstempel

Eine andere postalische „Revolution“, die für viel Aufregung sorgte, war die Streichung vieler Portofreiheiten zum 1. Januar 1870. Nur die regierenden Fürsten und deren Frauen und Witwen, Post- und Telegraphie-Verwaltungen, Militär und Kriegsmarine sowie Sendungen des Reichstages und Bundesdienst-Angelegenheiten blieben portofrei. Für die Staatsbeamten wurden Dienstmarken ab 1. Januar 1870 eingeführt, welche die Behörden jedoch bei der Post kaufen mußten! Die Dienstmarken sollten nur für Briefpost und nur innerhalb des Norddeutschen Postbezirks verwendet werden. Wir kennen jedoch auch Auslandspost und auch Paketbegleitbriefe mit Dienstmarken. Sie wurde nicht beanstandet.

Abb4

Abb. 4:   Mit Dienstmarken frankierter Paketbegleitbrief vom 4. Mai 1870 aus SUDERBURG. Unter den Marken rechts der Packkammer-Ausgabestempel von Hannover vom folgenden Tag.

Von der preußischen Post weiterverwendet wurden die beiden „Innendienstmarken“ zu 10 und 30 Silbergroschen. So wurden am 1. März 1869 abgelöst durch zwei gleichwertige Marken der Norddeutschen Post. Diese hochwertigen Marken wurden nicht ans Publikum verkauft, sondern nur von den Postbeamten für höhere Wertsendungen oder Auslandssendungen verwendet. Sie wurden in der Regel nicht mit Stempeln, sondern handschriftlich entwertet.

Abb5

Abb. 5:   10-Gr.-Einzelfrankatur für einen Geldbrief über 214 Taler aus Ingramsdorf.

Eine weitreichende Neuerung der Norddeutschen Post war die Einführung der Correspondenzkarte, dem Vorläufer der Postkarte. Offizieller Ausgabetag war der 1. Juli 1870. Heinrich Stephan verfügte jedoch, daß die Karten sofort nach Eintreffen in den Postanstalten ans Publikum verkauft werden sollten. Gebrauchte Karten vor dem 1. Juli 1870 sind deshalb gesucht. Die früheste Verwendung stammt vom 16. Juni aus Ostrowo. Die Karten konnten auch für Eil- und Paketsendungen benutzt werden.

Abb6

Abb. 6:   Als Eilsendung verwendete Correspondenzkarte mit 1 Gr. Porto plus 2½ Gr.Eilgebühr frankiert. Die Karte wurde in einen Zug der erst am 1. Oktober 1871 eröffneten Bahnstrecke  FRANKENSTEIN – ROTHENBURG  hineingegeben.

Weitere Neuerungen der Norddeutschen Post waren z. B. 16 Auslandsverträge, stets mit niedrigeren Tarifen, was zur Folge hatte, daß der zwischenstaatliche Postverkehr jeweils sprunghaft anstieg.  -  Zum 1. November 1869 wurden erstmals Streifbänder mit eingedrucktem Wertzeichen (⅓ Groschen) ausgegeben.  -  Zur Erleichterung des Geldverkehrs bot die Post ab 15. Oktober 1871 die Einziehung von Wechseln durch das Post-Mandat an.  Auf Anregung aus der Geschäftswelt wurde im gleichen Monat (am 25. Oktober) der Bücherzettel eingeführt. Zum ⅓ -Gr.-Drucksachentarif durften die Bücherzettel auftragsbezogene Notizen enthalten.

Dies sind nur einige der vielen Neuerungen der Norddeutschen Post, die das Sammelgebiet so interessant machen. Besonders auch Heimatsammler versuchen mit Engagement, viele dieser Postdienste zusammenzutragen.

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